Ein Zeitungsartikel aus der Frankfurter Rundschau vom 12.Februar 2000:

Viel Spaß auf dem Einrad ohne Bremse und Freilauf

Die Klein-Karbener Radler preisen ihren Sport als ideales Trainingsprogramm für Kinder und Jugendliche

VON MATTHIAS SCHLETTE

KARBEN Wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Wenn dem Einradfahrer zu wohl ist, spielt er auf seinem äußerst wackligen Gefährt Basketball oder Hokkey. Könnte man denken, wenn man die Kunstradler des Radsportvereins RSV 1922 Klein-Karben bei ihrem Training beobachtet. In Wirklichkeit haben sich die Klein-Karbener das exotisch anmutende Zusatzprogramon jedoch ausgedacht, um das Kunstradfahren für den Nachwuchs attraktiver zu machen.
"Wir fahren hier mindestens so lange Kunstrad, wie ich im Verein bin", erzählt Heinz-Wilhelm Hartmann. Und das ist er eine ganze Weile. Seit 44 Jahren ist der 54-Jährige als Kunstradfahrer aktiv. Für die neuen Sportarten begeisterte er sich spontan. Oft springt er als "Ersatzmädeben" ein, wenn mal nicht genügend Nachwuchs für die überwiegend weiblich bestückten Kunstfahr-Mannschaften bereit steht. Seit zwei Jahren bietet der RSV das Training für Einrad-Baaketball und Einrad-Hockey an. Doch bisher fehlt es noch an genügend Leuten, um dauerhaft spielfähige Mannschaften zusammenzubringen.
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden schon in jungen Jahren unter Bewegungsmangel. Sie spielen weniger auf der Straße, sitzen dafür viele Stunden vor dem Computer.

.

"Viele Kinder haben Probleme, ihre Bewegung zu koordinieren, das merken wir immer wieder", berichtet Ursula Kaiser, die sich als lizenzierte Trainerin um die kleinsten Kunstradler kümmert. Nur etwa ein Drittel der Kinder, die zum Schnuppern in die Turnhalle der Selzerbachschule kommen, bleiben beim Kunstradfahren. Dabei ist das für Kinder ideal", schwärmt Kaiser, "wenn sie mit sechs oder sieben Jahren anfangen, können sie optimal ihren Gleichgewichtssinn und ihr Körpergefühl entwickeln."
Erschwerend kommt bei der Nachwuchssuche jedoch hinzu, dass man nicht zu den ängstlichsten gehören darf, wenn man sich zunächst auf dem zweirädrigen Kunstrad versuchen will. Eine gesunde Portion Draufgängertum kann nicht schaden, auch wenn es nach Heinz-Wilhelm Hartmanns Erfahrung nur selten zu ernsthaften Verletzungen kommt. In seiner langen Laufbahn als Trainer wurde er nur einmal Zeuge eines gebrochenen Handgelenks, Blaue Flecken gehören jedoch dazu.
Zwischen zehn und zwölf junge Leute gehören zur aktiven Einrad-Abteilung des RSV Kein-Karben. Sie haben sich über das Zweirad bis hin zum Einradfahren entwickelt. Etwa die Hälfte von ihnen ist in der Lage, Hockey oder Basketball zu spielen. "Das ist die höhere Schule, da muss man fließend vorwärts und rückwärts fahren können", erzählt Hartmann.

Die Einradler werden vor allem von seiner jungen Kollegin Andrea Wiegand trainiert, die selbst in den Einrad-Mannschaften aktiv ist und von aktiven Hockey- und Basketball-Mannschaften träumt.
Die Hockeyschläger sind bereits angeschafft, es könnte sofort losgehen, würde es nicht an Spielern fehlen. Hockeyspielen kann man schneller, denn mit dem Schläger kann man sich notfalls abstützen", erklärt Andrea Wiegand. Das nötige Dribbeln auf einem Rad beim Basketballspielen ist dagegen schon schwieriger zu erlernen. "Aber wenn wir das im Training mal zur Abwechslung einlegen, macht das einen riesigen Spaß", beteuern Wiegand und Hartmann. In fernerer Zukunft könnte es sogar eine Einrad-Rennmannschaft geben. Langst werden andernorts Rennen über 100, 200, 400 und 1500 Meter auf den Laufbahnen der Sportplätze ausgetragen, und sogar Straßenrennen oder Dauerfahrten sind denkbar.Darin hat sich Trainer Hartmann bereits erprobt. Zusammen mit Freunden hat er schon mal bei einer zehn Kilometer langen Einrad-Tour rund um Karben mitgemacht. Der Spaß muss groß gewesen sein. Besonders wenn es bergab ging. Denn wie beim Kunstzweirad gibt es beim Einrad weder Freilauf noch Bremse.

Hockey

Karl-Heinz Hartmann ist ein bewährter Trainer (rechts). Er fördert die Hockey-Frauschaft des Klein-Karbener Radsportvereins.Auf dem Bild von links: Angelique Reuter, Birte Göbel und Andrea Wiegand. Der Sport mit dem Kunstrad (und Einrad) begünstigt besonders bei Kindern die Koordination der Bewegungen.(Bild: Herbert)